Surveillance importierter Infektionen: die Netzwerke TropNetEurop und SIMPID

Während die Überwachung – Surveillance – von Infektionskrankheiten eine lange Geschichte hat, ist die Anwendung von Surveillance bei Reisenden eine vergleichsweise neue Idee. Die meisten Meldesysteme basieren auf nationalen Katalogen zu meldepflichtigen Krankheiten und sind somit per Definition Diagnose-orientiert. Diese konventionellen Surveillance-Aktivitäten werden durch die Gesundheitsbehörden bzw. Meldelabors betrieben. Direkter Patientenkontakt durch die berichtende Person ist die Ausnahme. Nationale Meldesysteme dieser Art sind um eine Kompletterfassung aller relevanten Fälle bemüht. Der potentielle Vorteil dieser Philosophie liegt darin, daß ein vollständiges Bild zur Relevanz der betreffenden Krankheit in einem Land oder einer Region gewonnen werden kann. In der Realität ist die Compliance mit solchen Systemen sehr begrenzt. In Europa wird in vielen Ländern davon ausgegangen, daß nur 50% oder weniger aller realen Fälle meldepflichtiger Krankheiten tatsächlich gemeldet werden. Der Mangel an Motivation bei denen, die per Gesetz zum Melden worden verpflichtet sind, stellt eines der größten Probleme für traditionelle Meldesysteme dar.

Zusätzlich zu Systemen, die eine möglichst umfassende Registrierung aller Fälle anstreben, werden eine zunehmende Zahl nationaler und internationaler „Sentinel“-Netzwerke etabliert. Diese nutzen Schwerpunktzentren, Sentinels, als Meldestationen in der Erwartung daß diese zwar kein vollständiges, aber doch ein repräsentatives Bild liefern. In der Regel sind solche Sentinels freiwillige Mitglieder die durch ihr besonderes Engagement Meldungen generieren die qualitativ hochwertig sind und mit geringem Zeitverzug im Meldezentrum eintreffen. Der eindeutige Vorteil klinischer Netzwerke liegt darin, daß die Informationen von Ärzten weitergegeben werden, die die betreffenden Patienten auch tatsächlich befragt, untersucht und behandelt haben. Die direkte Weitergabe der Daten wirkt sich sehr positiv auf deren Qualität aus, auch führt das direkte Engagement von Klinikern zu schnellen und effizienten Meldesystemen. Der Mangel an Informationen zu Quantität und Qualität importierter Infektionen in Europa führte 1999 zur Gründung des klinischen Sentinel-Netzwerkes „European Network on Imported Infectious Disease Surveillance (TropNetEurop)“, das sich auf die Surveillance bei Reisenden jeder Art konzentriert. Es dient der effizienten Entdeckung von importierter Infektionskrankheiten von potentieller nationaler oder regionaler Bedeutung im Moment ihres Auftretens in der einheimischen Bevölkerung. Die Surveillance-Funktion wird in den ausgewählten Sentinels mittels eines standardisierten und computerisierten Fragebogens durchgeführt. Zügige Weitergabe der anonymisierten Patienten- und Labordaten sichert ihre schnelle Verarbeitung und kommt den Mitgliedern direkt zugute, die in regelmäßigen Berichten über den Datenbestand informiert werden. Die Mitgliedschaft im Netzwerk ist freiwillig und wird durch ein selbstgewähltes Komitee gesteuert. Auch wenn der Aufbau des Netzwerkes keine repräsentative Datensammlung für Europa garantiert, sind die meisten Schwerpunktzentren des Kontinents vertreten. Innerhalb kurzer Zeit wuchs das Netzwerk auf 58 Mitgliedszentren in 17 Ländern an, die gemeinsam eine Zahl von ca. 57.000 Patienten pro Jahr sehen. Diese Zahl macht TropNetEurop zum weltweit größten Netzwerk seiner Art. Das Netzwerk war von Anfang an ausgesprochen erfolgreich bei der Entdeckung von Krankheitsausbrüchen und hat somit seinen Wert als zusätzliches Surveillance-Modell demonstriert .Basierend auf dem Erfolg von TropNetEurop, wurde 2001 das deutsche Netzwerk „SIMPID, Surveillance importierter Infektionen in Deutschland“, mit Unterstützung des Robert-Koch-Institutes gegründet. Ziel war ein Zusammenschluß der wesentlichen ambulanten und stationären Einrichtungen in Deutschland, die sich mit importierten Infektionen befassen. Die Zusammenarbeit im Netzwerk, Meldewesen, Datenmanagement und Berichtswesen laufen nach dem bewährten Modell von TropNetEurop.

Unmittelbare klinische Vigilanz, direkte Kommunikation und schnelles Feedback stellen wesentliche Vorteile eines klinischen Sentinel-Netzwerkes dar. Wenn diese Faktoren gut ausgespielt werden, kann Surveillance in der Reisemedizin außerordentlich effektiv betrieben werden. Informationen werden schnell gewonnen, weitergeleitet, verarbeitet, allen Mitgliedern mitgeteilt und sofort in der klinischen Praxis umgesetzt. Reisende bieten große Vorteile, wenn sie als Mittel für die Überwachung importierter Infektionen „genutzt“ werden. Sie bereisen zahlreiche Endemiegebiete, exponieren sich potentiell zu allen möglichen Infektionskrankheiten und kehren meist noch während der Inkubationszeit in ein medizinisches Umfeld zurück, in dem die schnell und definitiv gesichert werden kann. Das Auftreten von Infektionshäufungen (Clustern) bei Reiserückkehrern kann unmittelbar umgesetzt werden in Warnhinweise für Reisende, die dasselbe Ziel haben. Zusätzlich können Reisende als sensitive Indikatoren für Ausbrüche in Endemiegebieten dienen, in denen die Diagnose aus technischen oder finanziellen Gründen nicht oder nicht zeitnah gestellt werden kann. Somit können Informationen, die von zurückkehrenden Reisenden gewonnen werden, unschätzbaren Wert für das Reiseland besitzen, wenn sie den verantwortlichen Stellen rechtzeitig zugeleitet werden. Das für SIMPID entwickelte Screeningverfahren für unerwartete Meldungen hat sich bereits mehrfach als wertvolles und sehr sensitives Mittel zum Nachweis von Krankheitsausbrüchen in Endemiegebieten erwiesen.